Sonntag, 9. August 2009

Eine weitere Frage von Herrn Öztaş




Paulus und der Polytheismus



Hier ist eine weitere eMail von Nureddin Öztaş

Ich ziehe Parallelen zu den "Aposteln" von Mohammed (SAV). Du sagst, die 12 Jünger waren eher ungebildete Menschen, die Jünger Mohammeds waren es auch. Mohammed selbst war ein Analphabet. Man müsste mal untersuchen, ob es bei anderen Propheten ähnlich war, ob die ersten Jünger also auch eher einfache Leute waren. Das wäre meiner Meinung nach kein Zufall. Wir Muslime sprechen von Ummi, es bedeutet auf der einen Seite ungebildet, auf er anderen Seite aber auch unbefleckt, unbefleckt mit anderen Religion und Ideologien.

Deine Ausführungen zu Paulus sind sehr interessant. Er ist kein
Ummi, eher ein Mensch zwischen zwei Kulturen. Ist er auch ein Mensch, der Elemente der römischen polytheistischen Religion in die reinen, monotheistischen Religion von Jesus (AS) eingebracht hat?

Wenn ich Dich richtig verstanden habe, hat er fremde Elemente in seine Lehre aufgenommen und diese statt der Lehre Jesu (AS) verbreitet. Darf ein Apostel seinen göttlichen Auftrag, wenn er überhaupt einen hatte, verändern und solche fremden Elemente einfügen?


Ich weiß aus einem früheren Gedankenaustausch mit Nureddin Öztas, daß sich der frühe Islam auch als einer Reformbewegung gegen den Polytheismus versteht, der im römischen Reich herrschte. Dabei wird das römische Reich zunächst in seinem polytheistischen Ursprung, dann aber auch in seiner Durchmischung mit dem Christentum gesehen. Nach moslemischem Verständnis steht das Christentum unter dem Verdacht, allzu bereitwillig Gedanken der Römer in den eigenen Glauben aufgenommen zu haben, als der christliche Glaube am Ende den Glauben der Römer überwandt und zur Staatsrelegion aufstiegen. Der römische Bürger Paulus steht bei den Moslems in vorderster Linie der Verdächtigen, die an dieser Vermischung mitgewirkt haben.

Bevor ich eine vorschnelle Antwort gebe, will ich das zusammentragen, was auch von christlicher Seite für diese These sprechen könnte. Paulus hat in seiner berühmten Rede auf dem Areopag in Athen (Apostelgeschichte 17) einen der vielen Götter Griechenlands herausgegriffen und den Griechen nahe gelegt, sie hätten in der Verehrung dieses Gottes bereits damit begonnen, den Gott anzubeten, den Paulus jetzt im Begriff war zu verkündigen. Diese Rede wird ihm bis heute auch von manchen Christen als ein wenig zu liberal ausgelegt.

Außerdem hat er an einer anderen Stelle gesagt, er sei jederzeit bereit gewesen, um des Evangeliums willen, den Juden ein Jude, [...] den Schwachen ein Schwacher (1. Korinther 9,20 + 22) und ein Schuldner der Griechen und der Nichtgriechen (Römer 1,14) zu sein. Auch das macht ihn verdächtig, gelegentlich allzu nachgiebig aufgetreten zu sein.

Nun muß man aber auf der anderen Seite sagen, daß der Vorwurf der allzu großen Liberalität in keiner Weise auf das gesamte Lebenswerk des Paulus zutrifft. Im Gegenteil , viele Christen stoßen sich bis heute an seinem scharfen Urteil über ethische Dinge, seine Ablehnung der Homosexualität etwa, oder auch seine für manche Christen als viel zu konservativ verstandene Deutung der Rolle der Frau.

Wie immer man ihn sieht, Paulus ist über weite Strecken seines Lebens ein brennender Eiferer für seinen Glauben gewesen, am Anfang ja sogar mit einem tödlichen Hass auf die neue Gemeinde der Christen. Er war ein in strengem Judentum erzogener Gelehrter. Von seinem Vater hatte es übernommen, nach den strengen Regeln der Pharisäer zu leben, später wurde er von den vornehmsten Priestern im Tempel in Jerusalem erzogen. Auch seinen späteren Konflikt mit den Korinthern, um den es in Baumerts Buch geht, übersteht er am Ende als Gewinner, weil er so unbeugsam ist.

Er war von seiner ganzen Person her nicht der Mensch, den Römern auch nur einen Zentimeter nachzugeben, wenn es um seinen Glauben ging. Dieser Glaube bezog sich von Geburt an auf einen und nur einen Gott.

Nach meinem Eindruck ist das, was die Moslems als Polytheismus verstehen, nicht erst durch Paulus ein Teil der christlichen Lehre geworden, sondern bereits in der Person Jesu selbst und in dem Anspruch, der von seiner Person ausging. Ich will es so sagen, daß es vielleicht auch für einen Moslem nicht sofort anstößig ist: Jesus ist mit einer Botschaft durch Galiläa gezogen, die nach seinen Worten unmittelbar von Gott stammte, ja die seine Zuhörer in die Lage versetzte, Gott wie in einem Spiegel zu sehen.

Ich schrieb schon, daß dies in Mose vorgezeichnet war, der am Sinai Gott sehr nahe gekommen war. Jesus war der - bereits von Moses vorhergesagte - Prophet eines neuen Bundesvertrages zwischen Gott und Menschen. Er sollte Gott, anders als Mose das konnte, unverhüllt sehen, und er sollte Gottes Barmherzigkeit darin zeigen, daß Gott sich ganz persönlich und konkret den Menschen zuwendete. Deshalb konnte er von sich sagen, wer mich sieht, sieht den Vater (Johannes 14,9).

Übrigens ist er auch deshalb gekreuzigt worden, weil er diesen hohen Anspruch gepredigt hat. Er ist für seine Kritiker zu weit über den Rahmen dessen hinausgegangen, was ein Prophet normalerweise verkündigen darf.

Ich vermute aber gleichzeitig , daß die Christen immer an einen Gott geglaubt haben, der größer und auch unvorstellbarer ist als sein letztlich doch kleines weil menschliches Abbild in Jesus von Nazareth. Das erste Konzil hat sich große Mühe gegeben, die teils menschliche, teils göttliche Natur Jesu zu definieren. Einen Polytheismus in römischer Form hat dabei nie jemand gewollt.

Ich und der Vater sind eins, sagt Jesus (Johannes 10,30), das ist die feste Grundlage unseres christlichen Monotheismus.





2 Kommentare:

  1. Paulus hat einen der vielen Götter Griechenlands herausgegriffen und den Griechen nahe gelegt, sie hätten in der Verehrung dieses Gottes bereits damit begonnen, den Gott anzubeten, den Paulus jetzt im Begriff war zu verkündigen. Diese Rede wird ihm bis heute auch von manchen Christen als ein wenig zu liberal ausgelegt.

    Ich weiß nicht, ob der in unseren Tagen so vielfach verwendete Begriff des Liberalen sich eignet für diese Betrachtungen. Auch halbwegs gebildete Christen neigen dazu, das Heilsgeschehen im heiligen Land einigermaßen isoliert von seiner Umgebung zu betrachten, Paulus aber lebte in dieser Umgebung und bezog sein Denken aus ihr. Auf einen bestimmten Griechengott anzusprechen war wohl eine geeignete pädagogische Maßnahme, das Neue kann immer nur aus dem Alten heraus verständlich gemacht werden, daran ist nicht Liberales oder Illiberales. Was Homosexualität und Frauenrechte anbelangt, so kann man schlecht erwarten daß Paulus exakt die Entwicklung in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts antizipieren konnte, da stand er sicher zwischen ganz anderen Fronten, von denen aus auch keinerlei gerade Entwicklung zu uns führt.

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  2. Nun, wenn der Begriff des Vaters als ein metaphorischer Begriff eines fürsorglichen, liebenden aber respektvollen, erziehenden Rolle verstanden wird, ist es verständlich und akzeptabel. Der Begriff Vater ist allerdings eine bestimmte begrenzte Figur eines Geschöpfes, der zeugt und gezeugt wird. Gott hat väterliches, aber Gott ist nicht Vater. Wie ein Vater, statt der Vater zu sagen ist daher richtig. Aber Gott trägt auch kein Geschlecht wie die Geschöpfe. Mütterlich ist Gott allenthalben auch noch. Gott ist weder Vater, noch Mutter. Es ist nicht eine Pingelei um Begriffe, jedoch kann man mit einer kleinem Denkfehler eine Bedeutung voll aus seiner Absicht reissen oder verzerren.Deshalb muss man auf Jesus (FSI) hören, der nie sagte ich bin Sohn Gottes. Im Koran spricht Gott in Sure 112/ Al Ichlas:
    1. Sprich: «Er ist Allah, der Einzige;
    2. Allah, der Unabhängige und von allen Angeflehte.
    3. Er zeugt nicht und ward nicht gezeugt;
    4. Und keiner ist Ihm gleich.»
    Deine Ausführungen und Deine Übersetzung des Vaters geht in die richtige Ecke, aber dieser Begriff schafft viele Denkfacetten unter Christen wie man die Rolle Gottes und des Jesus (FSI) versteht. Viele sagen noch Jesus (FSI) ist klar Sohn Gottes und das ist völlig inakzeptabel.Damit steht man im Widerspruch zum Monotheismus-Gedanken und man hat 2 Götter, dann taucht noch der Heilige Geist auf und Mutter Gottes wird sicher auch Gott sein. Überspitzt gesagt kann man 4 Götter laut Bibel verstehen. Das ist polytheistisch, da aber die Lehre eine monotheistische ist muss die Begrifflichkeit der Trinität überprüft werden. Die jetztige, gültige Bibel entstand ca. 300 Jahre nach Jesus (FSI), es kann nicht ausgeschlossen werden, daß sie zum Beispiel in diesem Punkt eine Fehlinterpretation aufgenommen hat.Ich weiss, daß Christen allmählich diesen Begriff diskutieren und zum Teil auch wie Muslime verstehen. Propheten sind Gotterfüllte Menschen, wer sie sieht denkt Gott gesehen zu haben. Das bedeutet nicht wörtlich dieser Mensch ist Gott, sondern nur ein Spiegelbild Gottes. Jeder Mensch und insbesondere jeder Gläubige ist ein Spiegel Gottes. Im vermehrtem Maße sind es die Propheten, aber auch sie sind Menschen und keine Götter oder Kinder Gottes.

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